Den letzten Abschied selbst gestalten

Vorwort:

Eigentlich sind wir es gewohnt, nach den eigenen Vorstellungen zu leben und die wichtigen Dinge des Lebens selbst zu gestalten. Doch nach dem Tod eines nahe stehenden Menschen herrscht oft große Ratlosigkeit. Die Abläufe bis zur Bestattung wirken häufig so durchprogrammiert, dass sich Trauernde in dieser schweren Zeit nicht selten nutzlos und fehl am Platze fühlen. Hinzu kommt, dass viele Menschen das Thema Tod zeitlebens meiden. Nach einer Studie der Universität Hohenheim verdrängen dies drei Viertel der Männer und 60 Prozent der Frauen, um sich nicht "die Freude am Leben" zu verderben. Andere betonen allerdings, sie würden ihr Leben gerade deshalb genießen, weil sie hin und wieder an das Ende dächten. Sie gehören zu denen, die sich von ihren Verstorbenen in Ruhe verabschieden möchten und sich auch schon einmal Gedanken über ihre eigene Beerdigung gemacht haben. Sie wollen sich für diese wichtigen Stunden und Tage nicht in ein starres to-do-Korsett zwängen lassen, sondern den letzten Abschied in einem liebevollen Umfeld selbst gestalten. Sie wollen auch wissen, was nach dem Tod eigentlich möglich und erlaubt ist, um den verstaubten Ritualen etwas entgegenzusetzen.

Und es staubt ordentlich in allen Bereichen, die mit der Bestattung zu tun haben. Da gibt es viel Selbstgefälligkeit und Willkür. Trauernde werden in Krankenhäusern und Pflegeheimen nicht darauf aufmerksam gemacht, dass sie ihre Toten 36 Stunden mit nach Hause nehmen oder sich in einem geeigneten Raum in aller Ruhe von ihnen verabschieden können. Stattdessen entscheiden Klinikhausmeister, Verstorbene erst nach dem Wochenende "auszuliefern". So lange werden sie in die Pathologie "verräumt". Gern redet uns auch ein Bestatter ein, den Sargdeckel nicht mehr aufzumachen. "Behalten Sie die Oma lieber so in Erinnerung." Andere sagen ganz unverblümt: "Kümmern Sie sich um die Trauerbriefe, wir kümmern uns um den Toten." Damit wird Trauernden nicht nur die Arbeit abgenommen, sondern gleich auch der Verstorbene. Nichts scheint eiliger zu sein, als ihn in einen Kühlraum zu bringen, so als hätten wir es dauernd mit 40 Grad Hitze oder schwerer Ansteckungsgefahr zu tun.

So manche Bestatter wollen uns immer noch geschnitzte Eichensärge verkaufen, obwohl die fünfziger Jahre schon sehr lange zurückliegen. Designstudenten reagierten entsetzt, als sie das übliche Sarg- und Urnenmobiliar unter die Lupe nahmen und sprachen von einer "Omaisierung" der Branche. Die aufgedrängte Bestattungswäsche ist ein gefältelter Witz, derartige Talare würde kein Lebender anziehen. Friedhofsangestellte wuchten den falschen, den hässlichen Kranz auf den Sarg des Ehemannes, weil ihnen das zarte Gesteck der Frau zu mickrig erscheint. Die gleichen Leute schnalzen auch schon mal ungeduldig mit der Zunge, wenn weinende Trauergäste nicht schnell genug aus der Aussegnungshalle eilen. Am Grab reiht so mancher Pfarrer nur ausgestanzte Sätze aneinander. Erstaunlich ist die immer noch anzutreffende Beamtenmentalität. Ein großer Teil der Bestatter, der Friedhofsverwalter, Krematorien und Behörden scheint kein Interesse daran zu haben, Abläufe zu verbessern und serviceorientierter zu arbeiten. Da klagt eine ganze Branche über den "Verfall der Bestattungskultur" und sieht sich nicht in der Lage, eine Beerdigung um 17 Uhr oder am Samstag zu ermöglichen. Stattdessen legt sie weiterhin Trauerfeiern im 30-Minuten-Takt fest. Wer solche Fließbandbestattungen nicht möchte, muss sich eine Doppelzeit erkaufen.

Viele Menschen, die schon einmal ein Begräbnis ausrichten mussten oder als Gast dabei waren, sind aus Erfahrung klug geworden und lassen sich nichts mehr aus der Hand nehmen. Sie erzählen in diesem Buch, wie sie sich ganz in Ruhe von ihrer Mutter verabschiedet haben, den Sarg des Mannes bemalten, selbst eine Rede auf den Opa hielten, die Trauergäste mit einem Kerzenritual eingebunden haben. Sie wechseln den Bestatter, wenn der behauptet, im Zusammenhang mit dem Toten müsse etwas "unverzüglich / umgehend / unbedingt" geschehen und all die Mythen seiner Branche mit dem "pietätvollen Umgang mit Verstorbenen" begründet. Sie verlassen sich auch nicht darauf, dass ihnen die Bestatter bei der Trauerfeier und Beerdigung zur Seite stehen. Denn die schicken oft einfach ein Fax an die Friedhofsverwaltung oder das Krematorium und haken auf einer Liste nur "Musik", "Kerzen" und "Blumen" ab. Damit überlassen sie die trauernden Angehörigen wildfremden Mitarbeitern, die mitunter sehr bemüht sind, aber doch auch öfter durch raue Umgangsformen auffallen.

Menschen, die es gewohnt sind, Dinge in Frage zu stellen, suchen auch nach neuen Bestattungsmöglichkeiten. Sie wollen kein Einzelgrab mehr, das dann dreißig Jahre lang gepflegt werden müsste, sondern mit ihresgleichen zusammenbleiben. Sie entscheiden sich für ein Gemeinschaftsgrab unter Rosen oder kaufen sich einen Baum im Friedpark. Viele sehen auch nicht ein, warum in Deutschland die Asche stets auf einem Friedhof beigesetzt werden muss. Denn dort liegt sie zwanzig Jahre, eingesperrt in Aschenkapsel und Überurne, um nach Ablauf der Ruhefrist in einem Massengrab zusammengeschüttet oder ein weiteres Mal verbrannt zu werden. Da holen manche die Asche ihrer Toten lieber mit einem Trick aus dem Ausland zurück oder tauschen sie heimlich auf dem Friedhof aus.

Bei der Überarbeitung der deutschen Friedhofsgesetze war die Diskussion zuletzt stark vom Friedhofszwang für die Asche bestimmt. Angehörige sollten sie auf Wunsch mit nach Hause nehmen können - überall in Europa eine Selbstverständlichkeit, bei uns von den Lobbyisten erfolgreich abgeschmettert. Verschlafen hat man dabei den Umweltgedanken, eigentlich doch ein ureigenes deutsches Anliegen. So behindern Eichensärge und kunststoffhaltige Kleidung den Verwesungsprozess, liegen unter der Erde zig Millionen Urnen und Sarggriffe aus unverrottbaren Materialien. Die sollten stattdessen biologisch abbaubar sein und Aschenkapseln auf Wunsch vor der Beisetzung entfernt werden.

Es sind die Vertreter der freien Berufe, begleitet von Vordenkerinnen und scheuklappenfreien Fachleuten, die Bewegung in die Bestattungsszene bringen und den Markt mit individuellen Angeboten bereichern. Über solche engagierten Menschen, ihre Ideen und mitunter wunderbare Eigenwilligkeit wird hier berichtet. Mobile Bestatterinnen fahren durchs ganze Land, um den "Übergang" eines Menschen sorgsam zu begleiten. Ein Bestatter rät Angehörigen ganz offen, sich nicht um Genehmigungen zu kümmern. "Gestaltet den Abschied so wie ihr wollt." Ein innovativer Friedhofsleiter stellt mit einem Info-Center und "Lebensgarten" alte Sichtweisen auf den Kopf und verlangt von den Behörden, Friedhöfe dem Kulturbereich zuzuordnen. Tolerante Pfarrer begleiten auf Wunsch gern Nichtgläubige auf ihrem letzten Weg, christliche Theologen wandeln leere Kirchen in kunstvolle Urnenfriedhöfe um und setzen damit einen Akzent gegen die zunehmende anonyme Bestattung. Eine Trauerrednerin begleitet Familien während des ganzen Abschiedsprozesses und verhindert dabei so manche Panne anderer Beteiligter.

Die Schwulen waren die ersten, die sich gegen die konventionelle Bestattungsszene auflehnten. Sie lebten immer schon in ihrer eigenen Welt und wollten die auch beim Abschied ihrer Freunde abgebildet sehen. Sie vor allem kreierten mit den ersten bunten Beerdigungen eine neue Bestattungskultur für ihre Aidstoten. Auch die Hospizbewegung setzt sich nicht nur für einen guten Umgang mit den Sterbenden ein, sondern fordert auch ihre würdevolle Behandlung nach dem Tod und die Möglichkeit, sich von ihnen am offenen Sarg zu verabschieden. In diesem Buch kommen viele Menschen zu Wort, die sich für neue und freie Formen des letzten Abschieds einsetzen, die sich kluge Gedanken darüber machen, wie sich abgeschliffene Gewohnheiten in liebevolle Rituale umwandeln lassen. Einfach nur, indem sie sagen, wir machen das jetzt mal ganz anders.

Magdalena Köster

Den letzten Abschied selbst gestalten,
Alternative Bestattungsformen,
Verlag Ch. Links, 2. Auflage, Berlin, 2012, 192 Seiten, 
€ 16,90
ISBN 978-3-86153-687-1

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