Gegenpower, Zivilcourage, Mut und Engagement

Interview:

Süddeutsche Zeitung vom 19.01.2001 München

"Keiner fühlt sich mehr verantwortlich für den anderen"

Buchautorin Magdalena Köster über Zivilcourage und den Mut, sich bei gewalttätigen Konflikten einzumischen

Die beiden Türken, die Artemios T. vor dem Neonazi-Angriff retteten, haben sich vorbildlich verhalten. Doch nicht jeder traut sich ein so beherztes Eingreifen zu. Warum ist Helfen so schwer? Die SZ sprach mit Magdalena Köster, Autorin des Buches "Gegenpower - Zivilcourage, Mut und Engagement", das im Sommer beim dtv-Verlag erscheint.

SZ: Was versteht man unter Zivilcourage?

Köster: Zivilcourage heißt einfach hinzuschauen statt wegzuschauen, sich nicht aus allem rauszuhalten, sich angesprochen fühlen, sich einmischen.

SZ: Warum ist das so schwer? Wir leben doch nicht mehr in einer autoritären Gesellschaft.

Köster: Es ist leider so: Je lockerer die Gesellschaft wird, desto eher macht auch jeder, was er will. Jeder denkt, wir sind eben alle freie Menschen. Und deshalb fühlt sich auch keiner mehr verantwortlich für das Wohl des anderen.

SZ: Es gibt ja auch das Negativbild von jemandem, der sich überall einmischt, so eine Art Blockwartmentalität.

Köster: Das ist das Gegenbild, und davor haben auch wahnsinnig viele Leute Angst. Es gibt Untersuchungen, wann Leute in irgendwas eingreifen, und da spielt dieser Punkt eine große Rolle. Zum Beispiel, wenn man einen Hausbewohner lange nicht sieht. Da wagen viele Leute nicht, sich zu erkundigen und sich zu kümmern, weil sie sich nicht vorwerfen lassen wollen, sie seien neugierig. Und nachher stellt sich heraus, er liegt seit Wochen tot in der Wohnung.

SZ: Sie haben Angst vor dem Vorwurf, sie schnüffelten hinter jemandem her...

Köster: Ja, das ist wirklich ein Problem, dass sie dann auch nicht den Mut haben zu sagen, das hat mit Neugier nichts zu tun, sondern ich hatte einfach ein blödes Gefühl. Untersuchungen zeigen auch, dass man in einer vertrauten Umgebung eher hilft als in einer fremden. Wenn etwa an einem Flughafen eine ältere Frau hinfällt, helfen spontan 40 Prozent. Wenn das gleiche zu Hause an der bekannten U-Bahnstation passiert, helfen 80 Prozent. Besonders wenig wird einem nicht sichtbaren Opfer geholfen. Bei einem Versuch, wo man aus einem offenen Wohnungsfenster Schreie und Schläge dringen ließ, gingen mehr als 1000 Menschen vorbei. Nur drei klingelten an der Tür, vier meldeten den Vorfall bei der Polizei, der Rest ging weiter.

SZ: Was geht in den Leuten vor in so einem Moment?

Köster: Sie haben einfach Angst, sich zu blamieren oder irgendwas falsch zu machen. Jeder denkt natürlich auch, da sind so viele Leute unterwegs, es wird vielleicht ein anderer was tun...

SZ: Wie kann man lernen, anders damit umzugehen?

Köster: Man sollte sich auf jeden Fall vorher Gedanken machen und nicht erst, wenn man mitten in so eine Situation hinein rasselt.

SZ: Nur die Antwort darauf ist so auch nicht leichter zu finden, denn es geht meistens um Angst und um die Frage, ob man sich stark genug fühlt, um sich mit jemandem zu schlagen...

Köster: Also, es geht niemals ums Schlagen, das möchte ich ganz deutlich sagen. Das sollte man sich erst gar nicht vornehmen.

SZ: Bei einem richtigen Gewalttäter oder gar mehreren wie in dem jüngsten Fall geht es aber gar nicht anders.

Köster: Das würde ich nicht sagen, man kann immer noch ein paar andere Sachen machen. (siehe Extra-Kasten)

Interview: Claudia Wessel