Gegenpower, Zivilcourage, Mut und Engagement

Vorwort

Sich engagieren, Mut und Zivilcourage zeigen, macht selbstbewußt und schön. Quatsch, selbstbewußt und gesund. Das wurde in ganz ernsthaften Untersuchungen festgestellt. Kann aber auch Ärger bringen. Kostet vielleicht Zeit. Du kommst zu spät zu deiner Verabredung, du unterstützt vielleicht Leute, die du eigentlich gar nicht leiden kannst, du riskierst, selbst eins auf die Nase zu kriegen, du mußt Angst vor einem Racheakt haben und sollst vielleicht auch noch als Zeuge aussagen. Kann dir alles ein paar Feinde einbringen. Aber auch Freunde.

Nun hat dieses altmodische Wort Zivilcourage ja nicht gleich immer so eine gefährliche Dimension. Erst mal geht es um den ganz alltäglichen Mut, sich offen für die eigene Überzeugung einzusetzen, die Ehrfurcht vor Autoritäten abzulegen, um den Mut zur Kritik, um den Widerstand im Kleinen. Darum, hinzuschauen, statt wegzuschauen, zuzuhören und die eigene Meinung mit der eines anderen zu vergleichen. Auch mit der Angst vor der eigenen Courage zu leben, über die David in diesem Buch berichtet. David, der genau sieht, wie ungerecht es in seiner Klasse zugeht und der bisher doch nur in seinen Träumen der große Rebell ist.

Viele Junge und ein paar vorbildliche Alte erzählen hier, was für sie Mut ist und wann sie sich mutig fühlten. Miriam holt sich bei ihrem Lehrer eine Entschuldigung für den Satz, sie habe kein Hirn in der Birne, Alexander wird als Grünschnabel beschimpft und besteht trotzdem auf Diskussion an der Schule, Julia überwindet ihre Scheu vor fremden Leuten und protestiert in der Fußgängerzone gegen Kinderarbeit. Das sind die kleinen Übungen in Zivilcourage.

Saadet zeigt ihre eigenen Eltern an, weil die sie mit einem alten Mann verheiraten wollen. Daniel rettet ein Mädchen vor den Ohrfeigen ihres wildgewordenen Freundes und Stephan bringt eine ganze Horde rechtsradikaler Schläger vors Gericht. Da wird´s dann schon kritischer. Schließlich kann es in manchen Ecken Deutschlands ein Wagnis sein, mit grünen Haaren oder Dreadlocks herumzulaufen. Leider vor allem im "Wilden Osten", wo ein paar dumpfe Neonazis gern das Straßenbild bestimmen möchten. Über sie ist in diesem Buch zu lesen, aber auch über eine Menge ebenso mutiger wie witziger Leute, die dort beharrlich für Offenheit und Toleranz kämpfen.

Und solche hat es immer schon gegeben. Zum Beispiel die Edelweißpiraten, sozusagen die Hippies der 30er Jahre, die zwar nicht die lupenreine edle Gesinnung vor sich hertrugen, aber aus Wut vor der ständigen Reglementierung und der spießigen Atmosphäre der Hitlerzeit auf ihre Weise gegen den "Scheißkrieg" kämpften. Was waren das für Leute? Wieso fanden doch immer wieder Einzelne den Mut, sich dem Naziregime zu widersetzen? Gibt es vielleicht Menschen, die ein Mut-Gen besitzen? Vielleicht. Aber sicher ist, dass Vorbilder in Familie, Schule oder Gesellschaft einen ähnlichen Effekt haben. Und dann traut man sich was, wie die junge Vogelschützerin, die sich mit den Jägern auf Sizilien anlegt, oder Roland, der sich in der Schule als Schwuler outet oder auch der überraschend talentierte Nachbar, der einem Handtaschendieb hinterherrennt und mit autoritärer Stimme improvisiert: "Halt, Polizei! Stehenbleiben, oder ich schieße!"

Ein ganz wichtiger Aspekt in diesem Buch - das Verhalten in bedrohlichen Situationen. Gar nichts zu tun ist nun wirklich das Letzte. Aber auch wer eingreift, kann noch eine ganze Menge falsch machen. "Du Idiot, lass den Typ los", zu schreien, wäre zwar schön spontan, aber leider ziemlich verkehrt. Täter sollte man immer siezen und nicht beleidigen. "Lassen Sie das" im Chor zu rufen, wäre schon besser. Für die Gegenpower gibt es hier eine Menge weiterer Tips von Fachleuten. Zum Beispiel, mal unter Freunden in einer Art Trockenübung zu überlegen, wie man einen Täter aus dem Konzept bringen könnte. Antigewalt-Trainer raten zu folgenden Tricks: Laut die Fußballergebnisse vom letzten Wochenende herunterbeten, irgendeinen Hip-Hop-Text singen oder nach dem Wetterbericht für morgen fragen.

Und überhaupt gilt die Parole - nicht zu oft brav nicken!

Magdalena Köster