Die Reisen der Frauen

"Ich reiste wie der ärmste Araber"

Frauen unterwegs - Vom 18. Jahrhundert bis heute

"Dieses Bild hätte wohl den beherztesten Mann mit Furcht erfüllt. Am Ufer standen die Wilden, gewiß hundert an der Zahl, mit hohen schmalen Schilden und mit Parangs [malaiischen Dolchen] in den Händen. Ihr Geschrei und ihre Gebärden waren fürchterlich. Ein paar Männer schwammen bereits auf unser Boot zu..." - berichtete 1850 die Österreicherin Ida Pfeiffer über ihre glimpflich verlaufene Durchquerung der Insel Borneo, bei der sie die Krieger der Dajak immer wieder durch Witz und Schläue von ihrer Harmlosigkeit überzeugte. Statt zu Haus den sehr viel älteren Ehemann zu betreuen, legte die nahezu mittellose Frau in 17 Reisejahren 150.000 Seemeilen und 20.000 Landmeilen allein zurück. Ähnliche Strapazen nahm die strenggläubige Engländerin Kate Marsden auf sich, die einem Leben in beschaulicher Wohltätigkeit den Rücken kehrte und mit Pferd, Schlitten und 40 Pfund Plumpudding auf eine 20.000 Meilen lange Reise nach Sibirien ausbüxte, um dort ein Heilkraut gegen die Lepra zu suchen. Diese Reise war so spektakulär, daß man die 32jährige in die legendäre Royal Geographical Society aufnehmen mußte, auch wenn etliche Snobs nach einem Hinderungsgrund suchten: sie müsse bei den Treffen als einziges weibliches Wesen unter 800 rauchenden Männern doch um ihre Gesundheit fürchten.

Es ist wirklich erstaunlich, auf welch mutige Abenteuer sich Frauen immer wieder eingelassen haben, wo doch alleinreisende Damen in der europäischen Gesellschaft der letzten Jahrhunderte wahrlich nicht vorgesehen waren. Während junge Männer traditionell auf einen Beruf in der Öffentlichkeit vorbereitet wurden, war die Ausbildung der Mädchen spätestens mit 16 Jahren abgeschlossen. Danach hieß es, ihrer "natürlichen Bestimmung" zu folgen, ein trautes Heim zu schaffen, Kinder großzuziehen und Eltern und Verwandte zu pflegen. Wo das Einkommen des Mannes nicht reichte, kam die harte Arbeit als Wäscherin, Magd oder Dienstmädchen hinzu, später dann Knochenjobs in den ersten Fabriken. Den Bürgertöchtern blieb lange Zeit allein das Lehrerinnen-Seminar oder die Krankenpflege, um der häuslichen Langeweile zu entfliehen. Die Engländerin Florence Nightingale, die ab 1850 als Krankenhaus-Reformerin durch die Welt kam, drückte die Stimmung unter den Frauen so aus: "Mit 17 voller Ambitionen und Träume, mit 30 verdorrt, gelähmt und ausgelöscht." Das Rollenbild war über alle Klassen hinweg festzementiert, eine Frau mit Zigarette oder in Hosen galt als "Sklavin ihrer Sinne" oder "männliches Imitat". Erst Mitte des 19. Jahrhunderts kam mit der Forderung der Frauenrechtlerinnen nach Bildung, Arbeit und Wahlrecht langsam etwas Bewegung in die erstarrten Gesellschaftssysteme.

In vielerlei Hinsicht zog es die Frauen aus ähnlichen Gründen in andere Länder wie Männer. Sie wollten Abenteuer erleben, die eigenen Kräfte und Grenzen ausloten oder auch nur eine unglückliche Liebe vergessen. Gleichzeitig waren sie weniger darauf aus, eine spezielle Leistung im Sinne von "schneller, weiter, höher" vorzuweisen, sie interessierte immer mehr das persönliche Erleben und das soziale Umfeld in anderen Kulturen. Eine gemeinsame Sorge der Frauen war dabei häufig, man könne sie als sorglose Vergnügungsreisende ansehen. Sobald sie ihren häuslichen Pflichten entkommen konnten, schlüpften sie deshalb gern in das Gewand einer Pilgerin oder Missionarin, später in das einer Forscherin oder Reiseschriftstellerin, um nur ja nicht als leichtfertig zu erscheinen und sich damit zusätzliche Probleme einzuhandeln.

Auszug aus einem Zeitschriftenbeitrag von Magdalena Köster.

Lesen Sie weiter im Buch "Die Reisen der Frauen", Lebensgeschichten von Frauen aus drei Jahrhunderten, herausgegeben von Magdalena Köster und Susanne Härtel.

Vorgestellt werden in diesem Buch:

  • Isabella Bird
  • Lina Bögli
  • Isabelle Eberhardt
  • Mary Kingsley
  • Maria Leitner
  • Ella Maillart
  • Kate Marsden
  • Lady Mary Montagu
  • Ida Pfeiffer
  • Mary French Sheldon