Sei mutig und hab Spaß dabei

Vorwort:

Die in diesem Buch vorgestellten Künstlerinnen scheinen ähnlich wie Virginia Woolf gedacht zu haben, die einmal sagte, sie wolle schreiben und ihren Unterhalt "nicht allein durch Charme" bestreiten. Schon auf alten Kinderfotos legen sie eine frappierend ähnliche Widerspenstigkeit an den Tag. Die Fotografin Gisèle Freund zog es als Mädchen ebenso wie die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky vor, in burschikoser Haltung vor die Kamera zu treten. Selbstsicher schauen die beiden in die Linse, bemühen sich ebenso wenig um ein einnehmendes Lächeln wie das Schauspielerkind Eleonora Duse oder die spätere Schriftstellerin Irmgard Keun. Alle waren sich früh ihrer selbst bewusst, jede würde auf ihre Weise "ein Glanz werden". Die Fotos haben festgehalten, was Gisèle Freund nach langjähriger Berufserfahrung einmal sagte: "Das Gesicht eines Kindes zeigt, wieviel es bereit ist, vom Leben anzunehmen."

Der Name der Duse stand schon auf den Theaterplakaten, als sie gerade mal fünf war. Die Malerin Suzanne Valadon beließ es nicht dabei, den Malern von Montmartre Modell zu stehen, und entschied schon früh, ihre eigene Kunst zu schaffen. Und wenn Mary Wigman verkündete, junge Frauen hätten den berechtigten Egoismus, sich auszutoben, dann meinte sie zuallererst sich selbst damit. Gegen den Widerstand der Eltern hat sie schon Anfang dieses Jahrhunderts ihr Tanzstudium durchgesetzt. Auch die Modeschöpferin Elsa Schiaparelli ließ sich durch keinerlei Manöver ihrer aristokratischen Familie auf höhere Tochter trimmen. Sie war "hungrig nach Abenteuern" und setzte ihre Wünsche mit einem gezielten Hungerstreik durch. Als "shocking Elsa" es beruflich geschafft hatte, gab sie ihre Lebensmaxime bevorzugt an andere Frauen weiter: "Sei mutig und habe vor allem Spaß dabei". Da war sie sich mit Marlene Dietrich einig, die nicht wie ihre Mutter leben wollte, die zwei Männer früh verloren hatte und ihre Töchter mit wenig Geld aufziehen musste. Marlene machte es anders: Das Geld verdiente sie, die Tochter lief irgendwie mit, und Männer waren die Garnitur, die das Leben spannender machten.

Margarete Schütte-Lihotzky und Gisèle Freund setzten andere Schwerpunkte. Beide besaßen einen starken Gerechtigkeitssinn und rebellierten früh gegen gesellschaftliche Konventionen. Schütte-Lihotzky wollte die Welt verändern und fing gleich mit einer ungewöhnlichen Berufswahl an: 1916 konnte sie sich die erste Architektin Österreichs nennen. Gisèle Freund erstritt sich von ihren reichen Eltern das Recht, an einer bürgerlichen Schule Berlins Abitur zu machen. Als Jüdin wurde die politisch aktive Studentin 1934 zur Emigration gezwungen und erklärte Paris und Frankreich zu ihrer neuen Heimat.

Was beim Lesen der Lebensgeschichten dieser Frauen auffällt, ist ihre große, innere Kraft, mit der sich für ihren Beruf eingesetzt haben. Keiner ist der Erfolg in den Schoß gefallen, weder der harten Arbeiterin Eleonora Duse, noch ihrer späteren Kollegin Marlene Dietrich, die im Job ein Ausbund an Disziplin war. "Ich habe mich gefunden, mich gemacht", schrieb die Malerin Valadon und hielt unbeirrt an ihrer expressiven Malweise fest, während Mary Wigman gleich mehrmals von vorn beginnen musste, um ihre Tanzschule fortführen zu können. Hart hat es Margarete Schütte-Lihotzky getroffen. Die Architektin und Widerstandskämpferin wurde nach dem Krieg als Kommunistin von allen öffentlichen Aufträgen ferngehalten, unterlag einem Berufsverbot wie zuvor Irmgard Keun, deren Bücher von den Nazis verbrannt wurden. Die Schriftstellerin hat sich von diesem massiven Eingriff in ihr Schaffen nie wieder erholt. Ihre späteren Romane erreichten nicht mehr die lockere Brillanz wie etwa ihr Buch "Das kunstseidene Mädchen".

Virginia Woolf verriet einmal, wie sehr sie am Anfang ihrer Karriere unter ihrem "Engel im Haus" zu leiden hatte - einem Phantom, das sie bedrängte, selbstloser zu sein und ihre Talente in die Familie zu investieren. Die Künstlerinnen dieses Buches waren sicher keine "Engel im Haus", sie leisteten sich eher welche. Die meisten haben versucht, ihre verschiedenen Männer und ihr jeweils einziges Kind in ihr oft wildes Arbeitsleben zu integrieren. Die Rolle der Hausfrau war da schon Erholung. Aus purer Lust am Essen und dem Spaß, den eine Runde voller Leute um einen Küchentisch haben können, kochte Marlene Dietrich die besten Eintöpfe von Hollywood. Auch die unermüdliche Mary Wigman lud gerne Gäste in ihr rotgestrichenes Haus in Dresden ein, und der Mythos Duse entfloh ihren Verehrern am liebsten in ein kleines Häuschen auf dem Land. "Gesunde Kost, kein Klavier", das war für sie das Paradies auf Erden. So einfach können die Wünsche eines großes Stars sein.

Lesen Sie weiter im Buch "Sei mutig und hab Spaß dabei" herausgegeben von Magdalena Köster und Susanne Härtel.

Aus dem Inhalt:

  •  Eleonora Duse (1858-1924) Schauspielerin
    „Wieviele Sonnenaufgänge habe ich versäumt, weil ich ins Theater mußte“

  • Suzanne Valadon (1865-1938) Malerin
    „Man muß dem Modell ins Gesicht sehen, wenn man die Seele erreichen will“

  • Mary Wigman (1886-1973) Tänzerin
    „Sagen Sie das einmal mit Ihrem Körper“ 

  • Elsa Schiaparelli (1890-1973) Modeschöpferin
    „Sie sollten wagen, anders zu sein“

  •  Margarete Schütte-Lihotzky (*1897-2000) Architektin
    „Ich bin eine alte Systematikerin“

  •  Marlene Dietrich (1901-1992) Schauspielerin und Sängerin
    „Ich brauche jemand, der verrückt nach mir ist“

  •  Irmgard Keun (1905-1982) Schriftstellerin
    „Ohne Unvollkommenheiten gibt es keine Schriftsteller“

  •  Gisèle Freund (1908-2000) Fotografin
    „Meine Neugierde, die Welt kennen zu lernen, war immens“