"Ihr versteht mich einfach nicht. Kinder durch die Pubertät begleiten" - Knaur-Ratgeber (München, Februar 2005)

Vorwort

Wo sich früher Sandmännchen und Gute-Nacht-Geschichten trafen, herrscht heute ein Zwei-Fronten-Krieg. Die Kinderzimmertür ist verschlossen, meist zugeschlagen – mit einem lauten Knall. Auf der einen Seite die geballte Kraft, die sich losreißen, das eigene Leben in die Hand nehmen und erwachsen werden will. Auf der anderen Seite Resignation, Wut und Machtlosigkeit und Sätze wie "Der macht doch eh, was er will". Kein Kuss mehr für Papa, pure Verachtung für Mama. Kein Danke schön und kein Bitte. "Ich kann das allein. Bin doch kein Kleinkind mehr! Lass mich mit deinem Zeug in Ruh! Ich will dich nicht mehr sehen." Ab durch die Mitte und tschüss! So alt haben sich Eltern noch nie gefühlt: Musik, Klamotten, Lebenseinstellung – nix scheint mehr zu passen. Da haben wir vor ein paar Monaten noch gemeinsam Fussball gespielt und zusammen "Wetten dass?" geguckt, und plötzlich sind wir Lichtjahre voneinander entfernt. Hilflos die einen, bockig die anderen. Famlien kämpfen mit den Hormonen und leiden – aus Liebe – mit.

Eigentlich hätte ich es ja wissen müssen. Habe ich ja auch, irgendwo. Trotzdem dachte ich, bei unseren Kindern wird es anders sein! War es aber nicht. Nein, auch meine Kinder hauten (und hauen) ab zwölf, dreizehn furchtbar auf’s Blech. Unterschiedlich zwar, aber, egal ob intro- oder extrovertiert, anstrengend war es immer.

Beim Ältesten stand ich zunächst eine ganze Weile unter Schock und starrte – wie paralysiert – auf dieses schlurfende, gleichgültige Wesen, das plötzlich überhaupt nicht mehr sprach und sich – fast authistisch – aus dem Familienleben zurückzog, nächtelang vor dem Computer saß und nur aufschaute, wenn seine Freunde mit den neuesten PC-Spielen auftauchten. Bei den Töchtern war es dann genau umgekehrt. Plötzlich flogen die Fetzen, schon morgens beim Frühstück gings los; mittags wurden dann Türen geschmissen und stundenlang nicht mehr geöffnet. Tagelang wurde gehadert über das angeblich häßliche Gesicht und den dicken Hintern. Zickenalarm und schlechte Laune waren an der Tagesordnung.

Spätestens jetzt war es soweit. Ich hatte die Nase voll und wollte endlich verstehen, was in dieser Zeit passiert. Warum sie so und nicht anders sind? Wieso die Mädchen anders durchknallen als die Jungen? Zunächst sprach ich mit Freunden und Leidensgenossinnen. Das Ergebnis war frappierend; überall herrschte während der Pubertät ein mehr oder weniger großes Chaos – der Ausnahmezustand. Eine Freundin meinte gar: "Als es bei meiner Tochter soweit war, dachte ich, ich sterbe."

Da ich im Sterben nicht wirklich eine Lösung sah, suchte ich einen anderen Weg. Ich las mich quer durch alles, was es zum Thema Pubertät eben zu lesen gibt. Wälzte Bücher, recherchierte im Internet, fand wissenschaftliche Untersuchungen, sprach mit Medizinern, Soziologen und Psychologen und versuchte dem Phänomen Pubertät auf den Grund zu gehen. So ist dieses Buch entstanden – auf der einen Seite die Theorie, auf der anderen die Praxis. Wann immer ich etwas Neues in Erfahrung brachte, habe ich meine Familie (mal Mann und Kinder getrennt, mal alle gemeinsam) damit konfrontiert. Ich habe ihnen von den neuesten Hirnforschungsergebnissen ebenso erzählt, wie über die Menstruationsrituale bei nordamerikanischen Indianerstämmen oder die psychologische Bedeutung von Cliquen. Die mangelnde Verhütungsbereitschaft bei manchen Teenagern war genauso Thema wie das "Komasaufen" und seine Auswirkungen oder die Ursachen von "Magersucht". Das Frappierende daran war, dass meine Familie mir – fast immer – zuhörte. Ja, manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass die gerade aktuellen Probleme durch meine Berichterstattung leichter ertragbar wurden. Entweder weil ich oder das gerade pubertierende Kind wieder ein Stück mehr verstanden hatten.

Manchmal haben die Fakten und Erkenntnisse mich schier erschlagen. Um zu verhindern, dass den Leser das gleiche Schicksal ereilt, fing ich an, Geschichten aus meiner eigenen Familie zu erzählen. Zunächst heimlich, aber irgendwann war klar, dass ich dieses Geheimnis würde lüften müssen. Schließlich hatten auch meine Kinder ein Recht auf Privatheit. Also habe ich gebeichtet und ihnen die eine oder andere "Ach, Marie"-, "Ach, Moritz"-, "Ach, Sophie"-Anekdote vorgelesen. Das hat sie so begeistert, dass sie während des Entstehungsprozesses immer wieder "Ach-Geschichten" hören wollten. Dass sie dann auch beim Titel mitmischen wollten, war irgenwo klar. Mit einem sehr symptomatischen Ergebnis, wie ich finde. Während ich eher zu "Abenteuer Pubertät" tendierte, fanden sie "Ihr verstehst mich einfach nicht" viel besser. Wer sich durchgesetzt hat, sehen Sie ja!

Die Pubertät ist ein Einschnitt in jeder Familie. Sie kommt auf den Prüfstand, egal ob sie dafür gewappnet ist oder nicht. Alles, aber auch restlos alles, wird von den Heranwachsenden hinterfragt. Und sie konfrontieren uns, ständig – mit uns selbst, unseren Unzulänglichkeiten, Fehlern und Ängsten. Dabei sind sie nicht nur extrem spitzfindig sondern auch sehr originell. Und sie bringen die Dinge auf den Punkt, meistens jedenfalls. Wir Eltern brauchen gute Nerven, jede Menge Humor und natürlich auch ein Quäntchen Selbstkritik. Und, so meine Erfahrung, je mehr wir darüber wissen, um so besser für uns und unsere Teenager.

 

 Renate Eder